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Wie Suchtpatienten ihre Therapie erleben

19. August 2011


Nordfærn und Kollegen (2010) befragten dazu in Norwegen elf suchtkranke Patienten in verschiedenen Therapieeinrichtungen. Das Hauptergebnis: Für Suchtpatienten sind Beziehungen wichtig.

Dies ist zunächst mal nicht verwunderlich. Die meisten Pflegende wissen aus Erfahrung, dass positive Beziehungen sich günstig auf die Therapie auswirken. Nur durch Beziehungen kann Vertrauen und Offenheit entstehen, was für einen therapeutischen Prozess notwendig ist.

Interessant an den Ergebnissen von Nordfærn et al. (2010) ist aber, dass die Beziehungen der Patienten untereinander fast genauso wichtig sind. Positive Beziehungen innerhalb der Patientengruppe können vor allem die Motivation der Patienten zur Suchttherapie unterstützen. Negativ Beziehungen in der Patientengruppe können die Therapie behindern. Die Gestaltung eines sich gegenseitig unterstützenden Milieus ist eine der Hauptaufgaben der Pflege.

Aus der Befragung, die Nordfærn mit seinen Kollegen (2010) durchführte lassen sich interessante Hinweise für die Pflegepraxis in Suchtstationen ableiten:

  • Achten Sie auf eine förderliche und respektvolle Beziehung zu Suchtpatienten.
  • Fördern Sie die gegenseitige Unterstützung unter den Patienten ihrer Station.
  • Bieten Sie therapeutische Konzepte, die ihre Patienten als hilfreich erleben, z.B. den Umgang mit seinen Gefühlen lernen, die Bewältigung alltäglicher Schwierigkeiten und lebenspraktischer Kompetenzen wie Kochen, Waschen, aber auch das Genießen von Natur.
  • Beteiligen Sie Ihre Patienten an der therapeutischen Planung.
  • Achten Sie darauf, dass die Regeln auf ihrer Station sinnvoll sind und nicht nur einschränken.
  • Fördern Sie ein sicheres und zuverlässiges Behandlungsklima.

Um die Sucht zu bewältigen ist es für suchtkranke Menschen vor allem wichtig, wieder Vertrauen in sich selbst zu gewinnen. Selbstvertrauen in die eigenen Fähigkeiten die Sucht in Griff zu bekommen und mit Stresssituationen im Alltag zurecht zu kommen.

Nordfærn et al. (2010) empfehlen aber auch die soziale und Wohnumgebung des Patienten zu beachten, da sie einen nicht unerheblichen Einfluss auf das Recovery aus der Suchterkrankung hat.

Nordfærn, T., Rundmo, T., & Hole, R. (2010). Treatment and recovery as perceived by patients with substance addiction. Journal of Psychiatric and Mental Health Nursing, 17(1), 46-64.

Pflegende sind immer beschäftigt

6. Mai 2011

Originally uploaded by Toni Blay

Psychisch kranke Menschen kommen mit Erwartungen in die psychiatrische Klinik. Sie erwarten Hilfe und Unterstützung bei der Lösung ihrer Probleme. Leider machen sie nicht immer die Erfahrung, dass ihre Erwartungen auch erfüllt werden. So berichtet Stenhouse (2010) in einer aktuellen Untersuchung, dass Patienten in einer psychiatrischen Akutstation die Pflegepersonen häufig kaum zu greifen bekommen. Sie scheinen immerzu beschäftigt. Die Patienten beobachten Pflegepersonen vor allem bei Schreibarbeiten, Bürotätigkeiten oder hauswirtschaftlichen Tätigkeiten. Alles Tätigkeiten, bei denen die Patienten erleben, dass sich Pflegepersonen nicht mit ihnen beschäftigen. Manchmal haben sie sogar die Befürchtung, sie könnten Pflegende stören, wenn Sie diese ansprechen. So sich selbst überlassen, berichten die Patienten in der Befragung durch Stenhouse (2010), dass sie sich eben gegenseitig beraten und unterstützen. Damit wird das Raucherzimmer zum Haupttherapieraum.

Das klingt erschreckend, aber das Ergebnis der Studie beschreibt eine häufige Erfahrung psychiatrischer Pflegefachpersonen. Diesmal allerdings aus dem Blickwinkel der betroffenen Patienten. In allen Bereichen des Gesundheitswesen nehmen in den letzten Jahren die Verwaltungs- und Dokumentationsaufgaben immer mehr zu. Dies führt zu so seltsamen Auswüchsen, wie einem Formular zur regelmäßigen Dokumentation der Kühlschranktemperatur. Im Prinzip ist gegen ein solches Ansinnen nicht viel zu sagen. Es soll sicher stellen, dass die in dem Kühlschrank aufbewahrten Medikamente, nicht durch den Ausfall der Kühlung beschädigt werden. Aber, das Problem liegt darin, dass es in den letzten Jahren vielen gute Gründe für solche und weitere Dokumentationsnotwendigkeiten gab. Alles unter dem Deckmantel der Qualitätssicherung und des Risikomanagements. Nur eines wurde nicht in dem Maße für Notwendig erachtet, das Gespräch mit dem Patienten. Pflegepersonen und Ärzte haben daher immer mehr Dokumentationsaufgaben oder andere Patientenferne Tätigkeiten zu verrichten. Da Arbeitszeit aber nur begrenzt vorhanden ist, muss woanders gespart werden, zum Beispiel bei der Zeit für den einzelnen Patienten. Nun beleuchtet diese Untersuchung sicherlich nur einen Teilaspekt. Es gibt noch mehr Gründe für mangelnde Zeit bei Pflegepersonen, genauso wie es natürlich auch Beispiele für Pflegefachpersonen gibt, die sich sehr stark um mehr Zeit für ihre Patienten bemühen und Patienten, die die Erfahrung machen, dass sie gut unterstützt werden.

Trotzdem wird hier eines deutlich. Ein Mangel an Pflege und Therapie, fällt in der Psychiatrie nicht sofort auf. Es ist so ähnlich, wie mit einem Mangel an Bildungsangeboten. Die Auswirkungen sind oft nur langfristig bemerkbar. Mangelnde Beziehungsarbeit führt jedoch dazu, dass Patienten bei der Lösung ihre Problem nicht adäquat unterstützt werden können. Aber natürlich sind die Auswirkungen dieses Mangels, zum Beispiel häufige Wiederaufnahmen, kaum eindeutig nachweisbar.

Literatur

Stenhouse, R. C. (2011). ‘They all said you could come and speak to us’: patients’ expectations and experiences of help on an acute psychiatric inpatient ward. Journal of Psychiatric and Mental Health Nursing, 18(1), 74-80.

Ich werde mal den Faden wieder aufnehmen…

11. März 2011

Heute bin ich über einen Beitrag von Peter Baumgartner gestolpert, bei dem er beschreibt, wie er nach 4 ½ Monaten Blog-Pause den Faden wieder aufnimmt. Bei mir sind es inzwischen fast 12 Monate Blogpause und natürlich ist es nach so einer langen Zeit schwierig wieder einen Einstieg zu finden.

Für Peter Baumgartner sind solche Pausen Signale des Umbruch. Dem kann ich nur zustimmen. Die Blogpause war aus meiner Sicht notwendig geworden, um ein paar Projekte voran zu treiben, die dringend auf einen Abschluss warteten. Meine relativ „freie“ Tätigkeit im Bereich Bildung und Beratung führt immer wieder zu einer schleichenden Zunahme von Tätigkeiten, Aufgaben und Anfragen. „Frei“ bedeutet in diesem Zusammenhang nämlich nicht, dass ich mir meine Zeit frei einteilen kann. Es bedeutet lediglich, dass ich frei von einem festen Stunden- oder Semsterplan bin. Die Termine müssen von mir selbst koordiniert und geplant werden. Und mit jedem Jahr — so mein Eindruck — gibt es mehr Anfragen und mehr interessante Felder, die zu einer Bearbeitung einladen.

Im vergangenen Jahr musste ich jedoch die Reißleine ziehen. Neben den langfristig geplanten Fort- und Weiterbildungen erhielten zwei Projekte Priorität: (1) Die Fertigstellung des Handbuches für Praxisanleiter/innen in Pflegeberufen und (2) meine psychologische Abschlussarbeit zum Thema „Patientenaggression in der Psychiatrie“. Seit Februar sind nun beide Projekte beendet.

Handbuch für Praxisanleiter/innen

Meine Texte für das Handbuch habe ich bereits im November abgegeben, nun ist es erschienen. Das Buch für Praxisanleiter/innen hat mich, von der Idee bis zum Abgabetermin, seit fast zwei Jahren beschäftigt. Es sollte ein völlig neues Konzept bekommen, bei dem theoretische Hintergründe und praktische Anwendung in einem Buch vereint werden. Mit dem Buchkonzept wollte ich für die Praxisanleiter/innen auch eine Brücke schlagen zwischen einer Pflege als wissenschaftlicher Disziplin und der Pflege als praktische Kunde. In einem der nächsten Blogposts werde ich das Buchkonzept etwas genauer vorstellen.

Patientenaggression in der Psychiatrie

Das zweite große Projekt im letzten Jahr war meine Abschlussarbeit bei Prof. Marcus an der FernUniversität in Hagen. Allein schon die Geburt der Arbeit war mit vielen Mühen, Zweifeln und Unsicherheiten verbunden. Bei der Durchführung der empirischen Forschung taten sich weitere unerwartete Hürden auf. Und beim Schreiben der Arbeit musste ich meinen Zeitplan, auch aufgrund des zeitgleich abzuschließenden Buchprojekts, immer wieder korrigieren. Dies führte dazu, dass ich am Ende doch noch Druck hatte, rechtzeitig fertig zu werden. Nun warte ich gespannt auf das Ergebnis. Danach werde ich etwas über die für mich durchaus spannende Arbeit berichten.

Nun habe ich also wieder etwas mehr Zeit für diesen Blog. Ich habe mir vorgenommen, hier wieder regelmäßiger über die Dinge zu schreiben, die mich in meiner Arbeit beschäftigen. Leider habe ich bis heute noch keinen weiteren Blog gefunden, der sich mit Psychiatrie und Pflege beschäftigt. Wenn jemand so einen Blog kennt, würde ich über einen kurzen Hinweis freuen.

Kann man zur Verlaufsdokumentation eine Fortbildung halten?

19. April 2010

Man kann. Vor etwa 4 Wochen habe ich den ersten Teil einer Fortbildung zur Verlaufsdokumentation in einer psychiatrischen Klinik gehalten. Den Auftrag erhielt ich von der Pflegedirektion der Klinik, die dringend ihre Verlaufsdokumentation verbessern wollte.

Zunächst ging ich von einer kurzen Fortbildung aus. Doch der Auftraggeber wollte mehr. Ich habe mich daher intensiver in das Thema eingearbeitet und entdecke dabei mehr und mehr interessante Aspekte. Leider ist die Verlaufsdokumentation ein Stiefkind der pflegerischen Fortbildungspraxis. Dokumentation lernt man in der Ausbildung und danach interessiert sich niemand mehr dafür. Lediglich für die haftungsrechtlichen Unsicherheiten gibt es regelmäßige Fortbildungen.

Aber: Die Verlaufsdokumentation wird nicht für den Richter erstellt, sondern für uns und unsere Arbeit. Sie ist ein wesentlicher Bestandteil unserer therapeutischen Arbeit in der Psychiatrie.

Probieren Sie es aus: Lesen sie mal die Verlaufsdokumentation auf Ihrer Station und sie werden eine Menge über das Menschenbild, das Pflegeverständnis, die Qualifikation ihrer Kollegen und die auf iher Station gelebte Pflegeplanung daraus erfahren. Das erste, was ich gelernt habe ist: Es lohnt sich, sich damit zu beschäftigen.

Morgen habe ich den zweiten Teil der Fortbildung unter dem Titel: „Patient unauffällig“. Ich bin schon ganz neugierig, was ich dabei wieder lerne.

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