Die neuen Pflegestudiengänge starten

In diesem Wintersemester beginnt an vielen Hochschulen ein neuer Abschnitt der Akademisierung Pflegender. Das Pflegeberufegesetz von 2020 regelt erstmals ein primärqualifizierendes Studium der Pflegepraxis. Damit soll eine Empfehlung des Wissenschaftsrats von 2012 umgesetzt werden, die einen Anteil von 10 % bis 20 % Pflegenden mit akademischer Ausbildung in der personenbezogenen Pflege empfiehlt. Acht Jahre nach deren Veröffentlichung gibt es dazu endlich eine gesetzliche Regelung und die Bundesländer sind gehalten, ausreichend Studienplätze zu schaffen, um eine akademische Pflegeausbildung zu ermöglichen.

Phasen der Akademisierung von Pflege

Das neue Pflegeberufegesetz hat die Bildungslandschaft in der Pflege verändert. Erstmals ist ein reguläres primärqualifizierendes Pflegestudium an Hochschulen vorgesehen. Im Unterschied zur beruflichen Bildung tragen die Hochschulen beim Pflegestudium die Gesamtverantwortung für die theoretische und praktische Ausbildung der Studierenden. Das ist ein deutlicher Unterschied zur beruflichen Bildung, in der es eine Aufteilung der Verantwortlichkeiten zwischen Berufsfachschule und Praxiseinrichtungen gibt.

Offene Fragen für Studierende

Die zukünftigen Studierenden lassen sich auf ein Studium ein, das oft ein halbes oder sogar ein ganzes Jahr länger dauert, als die berufliche Bildung. Ihre Praxisausbildung hat maximal 200 Praxisstunden weniger als die der beruflichen Ausbildung. Trotz dieses Aufwandes erhalten keine Ausbildungsvergütung. Im Gegenteil, da es sich um Praktika im Rahmen ihrer Hochschulausbildung handelt, sind die Praxiseinrichtungen nicht verpflichtet den Pflegestudierenden ein Entgelt zu bezahlen. Auch ein Zuverdienst in den Semesterferien wird schwierig, da Praxismodule auch in den „Semesterferien“ stattfinden. Ein attraktives Studium sieht anders aus.

Bisher gibt es auch noch kein eindeutiges Rollenprofil für die Absolventen. Scheydt und Holzke (2018) fassen die Pflegefachpersonen mit beruflicher Ausbildung und Pflegefachpersonen mit Bachelor-Studium in eine Kompetenzstufe mit unterschiedlicher Qualifikation. Sie lassen die Frage unbeantwortet, warum es ein Studium braucht, wenn es in die gleiche Kompetenzstufe führt? Es bleibt also den einzelnen Einrichtungen überlassen, inwiefern es ihnen gelingt attraktive Arbeitsplätze zu schaffen.

Rolle der Psychiatrie im Pflegestudium

Im Gegensatz zu England gibt es in Deutschland kein primärqualifizierendes Studium der psychiatrischen Pflege. In der neuen, generalistischen Pflegeausbildung ist die psychiatrische Pflege lediglich ein kleiner Baustein. In den Rahmenlehrplänen der Fachkommission nach § 53 des Pflegeberufegesetzes ist für die Psychiatrie eine von elf Curriculare Einheiten vorgesehen. Unglücklicherweise wurde die Curriculare Einheit „Menschen mit psychischen Gesundheitsproblemen und kognitiven Beeinträchtigungen“ genannt. Damit wird ein altes Vorurteil bedient, dass psychische Gesundheitsprobleme und kognitive Beeinträchtigungen eng beieinander liegen.

In der praktischen Ausbildung ist das Bild noch düsterer. In der beruflichen Bildung sind lediglich 120 Stunden für die Psychiatrie vorgesehen. Das sind gerade mal drei Wochen Praxiseinsatz. Hier könnten die Hochschulen andere Schwerpunkte setzen, da sie mehr Freiheiten für die Planung der praktischen Einsätze haben. Und natürlich gibt es auch die Möglichkeit den Schwerpunkt seiner praktischen Ausbildung in der Psychiatrie zu absolvieren, was nach einer Stellungnahme des Bundesministeriums für Gesundheit im Jahre 2019 fraglich schien. Nach einem breiten Protest, an dem sich auch die DFPP beteiligte, wurde das Gesetz hier nachgebessert.

Offene Fragen der Zukunft

Mit der Schaffung eines Bildungssystems, in dem berufliche Bildung und Studium fast identisch nebeneinander stehen sind verschiedene Probleme verbunden. Worin unterscheiden sich die Absolventen in der Praxis? Wie können die Pflegefachpersonen für den Fachbereich Psychiatrie qualifiziert werden? Ist die Fachweiterbildung Psychiatrie hier noch eine zeitgemäße Qualifizierung, die auch für Absolventen eines Pflegestudiums geeignet ist?

Eine Arbeitsgruppe Bildung der DFPP beschäftigt sich gerade mit diesen Fragen.

Dieser Text ist zuerst auf den DFPP-Verbandsseiten in der Zeitschrift Psychiatrische Pflege erschienen.

Literatur
Scheydt, D. S., & Holzke, M. (2018). Erweiterte psychiatrische Pflegepraxis. Pflegewissenschaft, 10(3/4), 146–154.

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