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Pflegende sind immer beschäftigt

6. Mai 2011

Originally uploaded by Toni Blay

Psychisch kranke Menschen kommen mit Erwartungen in die psychiatrische Klinik. Sie erwarten Hilfe und Unterstützung bei der Lösung ihrer Probleme. Leider machen sie nicht immer die Erfahrung, dass ihre Erwartungen auch erfüllt werden. So berichtet Stenhouse (2010) in einer aktuellen Untersuchung, dass Patienten in einer psychiatrischen Akutstation die Pflegepersonen häufig kaum zu greifen bekommen. Sie scheinen immerzu beschäftigt. Die Patienten beobachten Pflegepersonen vor allem bei Schreibarbeiten, Bürotätigkeiten oder hauswirtschaftlichen Tätigkeiten. Alles Tätigkeiten, bei denen die Patienten erleben, dass sich Pflegepersonen nicht mit ihnen beschäftigen. Manchmal haben sie sogar die Befürchtung, sie könnten Pflegende stören, wenn Sie diese ansprechen. So sich selbst überlassen, berichten die Patienten in der Befragung durch Stenhouse (2010), dass sie sich eben gegenseitig beraten und unterstützen. Damit wird das Raucherzimmer zum Haupttherapieraum.

Das klingt erschreckend, aber das Ergebnis der Studie beschreibt eine häufige Erfahrung psychiatrischer Pflegefachpersonen. Diesmal allerdings aus dem Blickwinkel der betroffenen Patienten. In allen Bereichen des Gesundheitswesen nehmen in den letzten Jahren die Verwaltungs- und Dokumentationsaufgaben immer mehr zu. Dies führt zu so seltsamen Auswüchsen, wie einem Formular zur regelmäßigen Dokumentation der Kühlschranktemperatur. Im Prinzip ist gegen ein solches Ansinnen nicht viel zu sagen. Es soll sicher stellen, dass die in dem Kühlschrank aufbewahrten Medikamente, nicht durch den Ausfall der Kühlung beschädigt werden. Aber, das Problem liegt darin, dass es in den letzten Jahren vielen gute Gründe für solche und weitere Dokumentationsnotwendigkeiten gab. Alles unter dem Deckmantel der Qualitätssicherung und des Risikomanagements. Nur eines wurde nicht in dem Maße für Notwendig erachtet, das Gespräch mit dem Patienten. Pflegepersonen und Ärzte haben daher immer mehr Dokumentationsaufgaben oder andere Patientenferne Tätigkeiten zu verrichten. Da Arbeitszeit aber nur begrenzt vorhanden ist, muss woanders gespart werden, zum Beispiel bei der Zeit für den einzelnen Patienten. Nun beleuchtet diese Untersuchung sicherlich nur einen Teilaspekt. Es gibt noch mehr Gründe für mangelnde Zeit bei Pflegepersonen, genauso wie es natürlich auch Beispiele für Pflegefachpersonen gibt, die sich sehr stark um mehr Zeit für ihre Patienten bemühen und Patienten, die die Erfahrung machen, dass sie gut unterstützt werden.

Trotzdem wird hier eines deutlich. Ein Mangel an Pflege und Therapie, fällt in der Psychiatrie nicht sofort auf. Es ist so ähnlich, wie mit einem Mangel an Bildungsangeboten. Die Auswirkungen sind oft nur langfristig bemerkbar. Mangelnde Beziehungsarbeit führt jedoch dazu, dass Patienten bei der Lösung ihre Problem nicht adäquat unterstützt werden können. Aber natürlich sind die Auswirkungen dieses Mangels, zum Beispiel häufige Wiederaufnahmen, kaum eindeutig nachweisbar.

Literatur

Stenhouse, R. C. (2011). ‘They all said you could come and speak to us’: patients’ expectations and experiences of help on an acute psychiatric inpatient ward. Journal of Psychiatric and Mental Health Nursing, 18(1), 74-80.

2 Kommentare Eins hinterlassen →
  1. 7. Mai 2011 05:39

    … und dann gibt es da noch die pflegenden, die sich hinter formularen und sonstigen tätigkeiten verstecken, um nicht mit den patienten sprechen zu müssen.

    ich könnte jetzt nicht sagen, wieviel prozent der pflegenden den patienten mehr oder weniger bewusst aus dem weg geht, aber meiner erfahrung nach gibt es das auf jeder station. pflegende, die während der schicht kaum den schreibtisch verlassen oder gesprächswünsche abwimmeln, weil sie jetzt dringend ihren kaffee trinken müssen etc.

    warum? keine ahnung. angst vor der seelischen abgründen der patienten? angst vor gesprächen mit verwirrten menschen? angst keine lösungen anbieten zu können? oder nach jahrelanger berufstätigkeit einfach keine lust mehr, sich die probleme und das “gejammer” der patienten anzuhören?

  2. Michael Mayer Permalink*
    8. Mai 2011 19:22

    Hallo Silberträumerin,

    vielen Dank für den Hinweis. Natürlich gibt es auch die Pflegenden, die den Kontakt mit Patienten meiden. Dabei spielen sicherlich die genannten Gründe eine Rolle: Angst vor heftigen emotionalen Reaktionen der Patienten, die Angst auch keine Lösung zu haben oder einfach eine Art emotionaler Erschöpfung. Und natürlich gibt es, wie in jedem Beruf, auch bei den Pflegenden Unterschiede in der beruflichen Kompetenz.

    Ich denke, dass zwei Dinge zu fördern sind: (1) eine pflegewissenschaftliche Orientierung, die hilft das Verständnis und die Problembearbeitung der Patienten zu unterstützen und (2) eine fundierte Ausbildung im Umgang mit eigenen und fremden Gefühlen bei den Pflegenden.

    Michael

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